„Das Leben als nervige digitale Fliege” – Do´s und Dont´s bei der Einführung von #DigitalerBildung in die Schule

„Das Leben als nervige digitale Fliege” – Do´s und Dont´s bei der Einführung von #DigitalerBildung in die Schule

#BayernEdu ist ja bekanntermaßen eine Community, an der sich alle Interessierten aus allen (Bundes-)ländern beteiligen können. Gründungsmitglied Christian Wettke (stolzer Kurpfälzer) schildert in seinem Gastbeitrag, dass man es als Verfechter von #DigitalerBildung nicht immer ganz einfach hat, aber es letztlich doch Wege gibt, wie man sein Faible in strukturierte Bahnen lenken kann. Weitere Beiträge von ihm findet man auch auf seinem eigenen Blog

Seit nun immerhin 2 vollen Schuljahren darf ich mich an einer Schule erproben, an der (bedingt durch die Teilnahme an einem Schulversuch in Baden-Württemberg zu Tablets im Unterricht an beruflichen Schulen) in einem 1:1 Setting unterrichtet wird. Kurze Information zu mir und meinem Werdegang: Ich bin Lehrer (Spanisch und Sport) und habe in der digitalen Bildung zum ersten Mal in meiner schulischen Laufbahn etwas gefunden, für das ich wirklich brenne. Nicht dass mir das Lehrerdasein davor nicht gefallen hätte, ich lebe und liebe meinen Beruf. Dennoch eröffnet sich mir durch die Hinzunahme von digitalen Medien (Tablets, Smartphones) die einmalige Möglichkeit, meine Vergangenheit an freien Schulen in mein aktuelles Schaffen einfließen zu lassen. In meinen Augen ist die digitale Bildung in unserer Zeit alternativlos, wobei ich mich gerne darüber streite, in welchem Umfang, in welchem Fach und zu welcher Zeit. Bin ich deswegen ein allwissender Technik-Freak? Nein, eher im Gegenteil…. Ich verstehe von der dahinter stehenden Technik relativ wenig und erwarte auch nicht, dass das in naher Zukunft anders wird. Was mir jedoch an Wissen fehlt, mache ich mit Enthusiasmus wett und lerne weiter. In diesen 2 Jahren wurde ich nun jedoch von vielen Erfahrungen rund um das Schulwesen und die Komplexität desgleichen geprägt, positiv wie negativ. Ein Grund dafür, meine Erfahrungen in Do´s und Dont´s bei der Einführung von digitaler Bildung oder digitalen Medien zu unterteilen und niederzuschreiben. Ich möchte zu folgenden Themen gerne darlegen, was sich in meinen Augen bewährt hat und welche Herangehensweise man besser bleiben lassen sollte:

● Eigener Unterricht

● Umgang mit Schülern

● Verhalten gegenüber Kollegen

 

1. Eigener Unterricht

a. Do´s

Sicherlich lassen sich viele Kriterien (in meinen Augen Ausgangspunkte) für guten digitalen Unterricht und mobiles Lernen aufzählen und differenzieren. Ich habe mich auf die meiner Meinung nach prägnantesten und pragmatischsten beschränkt:

1. Habe ein Konzept, das fundiert und durchdacht ist und dennoch Freiheiten in der Umsetzung bietet.

2. Nutze digitale Medien dann, wenn es einen sinnvollen didaktischen Wert gibt und nicht nur als technische Spielerei.

3. Biete ein geeignetes Setting für mobiles Lernen und suche dann nach Apps.

4. Gib das Medium in Schülerhand, lasse SuS gemeinsam arbeiten und leite sie zu kritisch-reflektiertem Denken an.

5. Vergiss nie, dass du zuerst Pädagoge bist.

Gerade der letzte Punkt erscheint mir doch als der entscheidende, denn bei aller Magie, die durch den Nutzen von digitalen Medien möglich ist, bin ich doch in erster Linie Pädagoge, Lernbegleiter, Lehrer und Lerner. Das digitale Medium wird stets eine Unterstützung (bei richtiger Verwendung eine äußerst sinnvolle) sein, nicht mehr und nicht weniger.

b. Dont´s

Die ersten eigenen Unterrichtserlebnisse oder „digitalen Gehversuche“ verliefen noch recht stockend, da ich doch sehr gutgläubig und blauäugig an die ganze Geschichte rangegangen bin. Heißt übersetzt: Ich habe das Tablet eingesetzt und auf ein „digitales Wunder“ gehofft. Mein Unterricht hat sich dadurch natürlich weder großartig verändert noch verbessert, die Schüler hatten lediglich zu meinen ganzen Arbeitsblättern a) die digitale Version davon und b) schnellere Lösungen dank Internetzugriff und Google-Übersetzer. So bin ich nach einigen Versuchen und Monaten fast wieder zum normalen und tablet-losen Unterricht zurückgekehrt. Zum Glück kamen da zwei Schlüssel-Erlebnisse (bzw. Fortbildungen) dazwischen: Die Schlüsselerlebnisse, die mich quasi in die Hände der digitalen Bildung trieben, waren in meinem Fall zwei Fortbildungen, deren Wert und Genialität ich jedoch auch erst später erkannt habe. Zum einen war das eine Fortbildung zum MIFD (Modell der individuellen Förderung mit digitalen Medien) von Jan Hambsch und Tobias Rodemerk und einer Fortbildung zu interaktiven Videos von Allan Carrington (mit leider sehr wenig Teilnehmern und konfusem Plan, aber tollen Inhalten und Ideen).

2. Umgang mit Schülern

a. Do´s

Kurz meine bisherige Erfahrung: Es wird dir von den Schülern sehr gedankt, wenn du dich um Neuerungen bemühst und auch vieles verziehen, solange das Engagement und die Zusammenarbeit stimmen. Auch die oftmals beschriebenen bzw. proklamierten Disziplinprobleme habe ich sehr, sehr selten erlebt. Das Tablet kann als Ablenkung dienen ja. Allerdings habe ich für mich den Schluss gezogen, dass ich die Schüler ganz einfach viel damit arbeiten lasse und sie auch fordere, diese Arbeiten mit dem Gerät als Hilfsmittel zu bearbeiten (und das Gerät auch wirklich als Hilfsmittel zu verstehen). Natürlich helfen hier klare Absprachen und ein angenehmes Klassenklima. Ein Tool, das mir in dem Bereich wirklich sehr geholfen hat, war das “pädagogische Online-Rollenspiel” CLASSCRAFT.

b. Dont´s

Zu Beginn des Jahres gelang es mir noch halbwegs gut, Phasen mit und ohne Tablet zu trennen und zu unterscheiden. Mit zunehmender Dauer verlor ich diese Trennung immer mehr, meine SuS waren fast ausschließlich mit ihren Geräten beschäftigt und ich fühlte mich damit auch noch im Recht. Ein geregelter Unterricht, bei dem sie was lernen konnten, war das nicht mehr, viel zu stark verlor ich mich im Digitalen und trieb als Lehrperson nur noch so dahin. Aufgrund des Verlustes der Struktur war ich auch nicht mehr in der Lage, tatsächlich als Pädagoge aufzutreten, sondern lediglich als „technischer Türöffner“ für die Kids tätig. Zum einen, weil ich zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht die Kraft und den Mut hatte, mir im Bezug darauf einen Fehler einzugestehen, zum anderen weil es auch mir gefiel, viel mit dem Gerät in der Hand zu arbeiten und meine alten Arbeitsblätter mehr als uncool fand.

3. Verhalten gegenüber Kollegen

Ich möchte hier gerne vorweg sagen: Ich schätze meine Kollegen und habe innerhalb dieser zwei Jahre auch wieder meinen Frieden (besonders im Bereich der Einführung digitaler Bildung in unseren Schulalltag) mit ihnen machen können.

a. Do´s

Wir Lehrer mögen es ja gar nicht, bevormundet oder gar belehrt zu werden (und da schließe ich mich nicht aus, ich hasse es regelrecht), was eigentlich komisch ist, da wir doch ständig mit vermitteln und lehren beschäftigt sind. Vielleicht deswegen, wer weiß? Was sich tatsächlich bewahrheitet hat (obwohl ich es zu Beginn selbst nicht glauben konnte bzw. wahrhaben wollte), ist: Je entspannter man selbst mit dem Thema umgeht, desto leichter und einfacher finden Gespräche und Austausch statt. Danke an dieser Stelle an alle, die mir das auf Twitter auch immer wieder gebetsmühlenartig vorgepredigt haben. Ich leiste hiermit Abbitte.

b. Dont´s

Es stellte sich nach einiger Zeit auch heraus, dass nicht alle meine Kollegen meine neu gewonnene Begeisterung für digitale Bildung teilten und ich auf diesem Feld zunehmend alleine dastand. Anfangs fühlte ich mich hier noch gut, weil ich ja dachte, ihnen weit voraus zu sein und sie nicht für meine Entfaltung brauchen würde. Auch fühlte es sich gut an, trotz meinen jungen Jahren und der geringen Berufserfahrung etwas zu haben, in dem ich den anderen voraus und enteilt war. Im Laufe der Zeit nagte es doch mehr und mehr an mir, ein Einzelkämpfer zu sein und keine bzw. wenige Mitstreiter (noch dazu in meinen Fächern) zu haben, die diese neue Form des Unterrichts genauso begeistert annahmen wie ich und mit denen ich mich regelmäßig und produktiv austauschen konnte. So wurde ich immer stärker ein verbitterter Nerd, der begann alle zu verdammen, die nicht mitzogen und die diese Chance nicht wahrnahmen. Das resultierte mehr und mehr in einer Gemütseinstellung des “Jetzt erst recht”. Ich begann also geharnischte E-Mails zu schreiben, in denen ich die Kollegen auf die Wichtigkeit unseres Tuns und die Chancen der digitalen Bildung hinwies oder merkte immer wieder an, man möge doch bitte nicht nur die ausgetretenen Pfade der Fortbilungsreihen des RP oder KuMi begehen, sondern sich eventuell auch mal zu einem Barcamp anmelden. Oh Wunder, keine Begeisterung. In dieser Zeit bekam ich auch den inoffiziellen Spitznamen “nervige digitale Fliege” verpasst, den ich jedoch heute mit Stolz tragen kann.

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Ein Gedanke zu „„Das Leben als nervige digitale Fliege” – Do´s und Dont´s bei der Einführung von #DigitalerBildung in die Schule

  1. Ich bin 3 mal die Woche je eine volle Stunde pro Tag zur und von der Schule gefahren (worden – mit dem Zug). Vor 8 Jahren habe ich (mit dem Laptop) angefangen, digital vor- und nachzubereiten, Tests und anderes zu korrigieren usw. – eben im Zug, wohlverstanden! – und zu unterrichten. 2 Jahre später, also vor 6 Jahren, habe ich das MacBook MacBook sein lassen und das Ganze ausschliesslich mit dem Smartphone gemacht.

    Wenn ich heute gefragt werde, wie man KollegInnen zum Digitalen bringen kann, antworte ich immer zuerst mit meiner (obigen) Geschichte – und schliesse mit der Aufforderung, Zeit-Nischen zu suchen. Nischen, in welchen man kaum etwas anderes machen kann.

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