5 Mythen beim „digitalen Unterrichten“ … und was an diesen dran ist

5 Mythen beim „digitalen Unterrichten“ … und was an diesen dran ist

Endlich – seit dieser Woche ist auch in Bayern die allgemeine Sommerferienzeit eingeläutet worden. Da nach den Ferien aber bekanntlich vor dem nächsten Unterricht ist, möchte ich gerade denjenigen Kollegen, die ab dem Schuljahr 2017/18 ins „digitale Lehren und Lernen“ einsteigen, ein paar persönliche Erfahrungen mitteilen. Ich habe zu diesem Zweck einige „Mythen“ zum Thema identifiziert, die immer wieder in der Diskussion auftauchen. Auch seitens meiner Referendare wird danach im Prinzip jedes Jahr immer wieder neu gefragt. Wichtig ist mir aber zu betonen, dass meine Erwiderungen zu diesen rein subjektiv sind. Daher würde es mich freuen, ggf. weitere Meinungen dazu, z. B. als Kommentar unter dem Post, sammeln zu können. Wer mehr über die Infrastruktur und das Konzept unserer Schule erfahren will, kann dies über den Link gerne tun.

Mythos 1: Das „Digitale Unterrichten“ kostet mehr Zeit

Da ist durchaus etwas dran, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zunächst einmal kostet es natürlich Zeit in Bezug auf die Unterrichtsvorbereitung, wenn man eigene Materialien erstellen will. Aber es gibt mittlerweile schon ein großes Online-Angebot, das man frei nutzen kann („OER“). Unter diesem Aspekt würde ich mich zunächst einmal umschauen, was es für meine Fächer so alles gibt. Der verlinkte LearningSnack kann dabei schon einen kleinen Einblick geben.

Dann muss man natürlich auch sehen, dass man im Klassenraum ggf. schon ein bisschen Eingewöhnung braucht, um mit den jeweiligen Tools und Anwendungen gewinnbringend arbeiten zu können. Es wird sicher ein gewisses Zeitfenster brauchen, vielleicht klappt auch nicht immer alles gleich reibungslos. Letztlich sollte man dies aber nicht überbewerten, da man auch hier seinen Schülern und nicht zuletzt sich selbst Medienkompetenz vermittelt. Es ist also völlig normal, wenn man an dieser Stelle etwas Unterrichtszeit investiert und nicht verwerflich. Man kann dieses Zeitfenster auch mit der Einführung einer neuen Methode vergleichen.

Mythos 2: Die Schüler werden durch das „digitale Lernen“ unkonzentrierter, die Arbeitsergebnisse sind schlechter als früher

Dem kann ich aus meiner Erfahrung nur widersprechen. Wenn die Regeln der Gerätenutzung klar definiert sind, ist es auch eher so, dass dann nichts mehr heimlich geschieht. Das Handy in der Hosentasche wird – dessen kann man sich sicher sein – immer eine mögliche Ablenkungsquelle bieten, ob man nun „digital“ unterrichtet oder nicht. Daher sind in meinem Unterricht die iPads auf dem Tisch und bei Nichtnutzung umgedreht (was allerdings immer seltener der Fall ist). Wenn der Unterricht thematisch und methodisch dicht ist, dann bleibt auch wenig Zeit für Fremdbeschäftigung. Und wenn das erzielte Ergebnis einer Arbeitsphase dann nicht den Anforderungen entspricht, kann dies vielleicht sogar schneller identifiziert werden als beim traditionellen Arbeiten.

Mythos 3: Beim „digitalen Unterrichten“ wird weniger gelesen

Ebenso aus meiner Sicht zu plakativ und so auch nicht korrekt. Es wird sicher anders gelesen, vielleicht auch nicht mehr nur aus „ästhetischen“ Gründen. Für mich bietet das „digitale Unterrichten“ aber einen guten Ansatz meine Schüler erst einmal an das Lesen heranzuführen. Beim Recherchieren und bei der Nutzung des Internets kommt es eher darauf an, nicht alles zu lesen, sondern auch Quellen und Wahrheitsgehalt herauszufinden. Beim „ästhetischen“ Lesen habe ich trotz aller didaktischen Vorbehalte mit Lernvideos oder kleinen standardisierten Übungen gute Erfahrungen gemacht. Erst wenn man z. B. Stilmittel sicher erkennt und deren Wirkungen nachvollziehen kann, ist man doch auch in der Lage die literarische Qualität eines Textes zu beurteilen und dann selber kreativ zu werden.

Mythos 4: Beim Lernen mit „digitalen Medien“ wird weniger miteinander geredet, es kommt vermehrt zu Frontalunterricht

Natürlich ist die Verlockung groß. Der Lehrer präsentiert die Inhalte wie ein Keynote-Speaker auf einer wissenschaftlichen Tagung, die Schüler konsumieren und haben vielleicht sogar, wenn sie sich auf die nächste Stunde gut vorbereiten, im darauffolgenden Test ein besseres Ergebnis als früher erzielt. Das ist an sich nicht verwerflich, darf aber nicht der Regelfall des „digitalen Unterrichtens“ sein, auch wenn meine ersten Schritte so ausgesehen haben mögen. Zu einer „digitalen Mündigkeit“ führt das aber nicht, auch wenn man als Lehrer vielleicht den Eindruck haben könnte, dass eine oben skizzierte Stunde „gut“ gewesen war. Es ist vielmehr dafür zu sorgen, dass man viel themenaktueller, auch projektmäßiger an den Unterricht herangeht und vielleicht seine Stunden zweiteilt. In der ersten Phase (zeitlich auf ca. 20-30 Minuten begrenzt) bringt man die nötigen Fakten und die Sachkompetenz zur Lerngruppe, in einer zweiten Phase wird kompetenzorientiert vertieft. Dies kann auch über das Konzept „Flipped Classroom“ hergestellt werden, indem die Schüler schon mit der nötigen Basisinformation in den Unterricht kommen und dann damit weiterarbeiten. Dies können dann, müssen aber nicht, auch digitale Produkte sein.

Mythos 5: Die Schüler sind beim Arbeiten mit „digitalen Medien“ deutlich motivierter

Am Anfang stimmt das sicher. Dieser Effekt kann aber auch ganz schnell ins Negative überschwappen, wenn …

  • die Beziehungsebene zur Lehrkraft nicht stimmt (dann kann das „digitale Unterrichten“ die Pandorabüchsenöffnung sein!)
  • man immer die gleichen Arbeitsaufträge stellt
  • davon ausgegangen wird, dass die Schüler sich schon selbstständig durchwursteln und man nur „Globalaufträge“ stellt
  • man seinen Unterricht zu 100 % digitalisiert, ohne dass dies sinnvoll ist (ja, auch das merken Schüler und monieren das mit sehr stimmigen Argumenten)

 

Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn dieser Post ein wenig zur Diskussion über das „digitale Unterrichten“ beitragen könnte. Gerne nehme ich auch zu anderen Mythen Stellung und schildere dazu meine, wie gesagt, subjektiven Eindrücke, wenn diese von Interesse sein sollten. Letztlich kann ich aber nur allen Lehrern raten, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und getreu dem Motto „ergänzen statt ersetzen“ zu handeln.

 

 

 

 

 

 

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