„Auf die Dynamik kommt es an“ – Ideen zum Digitalen Prüfen in den Fächern Deutsch und Geschichte

„Auf die Dynamik kommt es an“ – Ideen zum Digitalen Prüfen in den Fächern Deutsch und Geschichte

Das „Digitale Prüfen“ ist sicher ein Knackpunkt, wenn sich die Digitale Bildung gerade auch bei skeptischen Kollegen durchsetzen soll. Nicht nur Jürgen Drewes fragte vor nicht allzu langer Zeit danach (https://drewesbloggt.com/2017/05/01/was-kommen-muss-digitale-pruefungsformen/), auch der beliebte Bildungspodcast „Perlen von den Säuen“ (https://youtu.be/cxVMNBr-7_A) diskutierte in einer Folge darüber, wie man zeitgemäß prüfen könnte und was es dazu benötigt. In diesem Artikel möchte ich ausgehend von meinen Fächern Deutsch und Geschichte ein paar Leitlinien aufzeigen, wie man digital gestützten Unterricht in traditionelle Noten oder Bewertungen überführen könnte. Wichtig ist mir dabei zu betonen, dass ich nicht unbedingt der Meinung bin, dass alles als Ziffernnote repräsentiert sein muss. Aber diese Frage scheint mir doch eine allseits beliebte Ausrede dafür zu sein, um derartige Unterrichtsideen nicht durchzuführen, da man ja „Noten machen müsse und für so etwas keine Zeit habe.“

Voraussetzungen

An der bayerischen Realschule bin ich im Fach Geschichte pro Halbjahr verpflichtet, zwei kleine Leistungsnachweise zu erheben (davon eine „echte“ mündliche Note). Im Fach Deutsch ergeben sich zwei große Leistungsnachweise („Schulaufgaben“) und drei kleine Leistungsnachweise (davon eine „echte“ mündliche Note) pro Halbjahr. Sofern am Anfang des Schuljahres von der Fachschaftsleitung beantragt, darf in einigen Klassenstufen auch eine Schulaufgabe durch ein bewertetes Projekt ersetzt werden. Man sieht also: So viel Notendruck herrscht gar nicht!

Organisatorisches

Wenn ich auf digitale Prüfungsformate setzen möchte, ist es aus meiner Sicht unabdingbar, flächendeckend auf das Doppelstundenprinzip zurückzugreifen – gerade auch aus pädagogischen Gründen, wie ich später noch erläutern möchte. Es ist im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß an der preußischen 45-Minuten-Stunde festzuhalten! Digitales Arbeiten und Prüfen verlangt gerade zu Beginn mehr Zeit und einen Arbeitsprozess, der im schlechtesten Fall am Montag in der 2. Stunde beginnt und dann am Freitag in der 6. Stunde wieder aufgegriffen werden soll. Digitale Bildung entsteht durch so manche Schulstruktur schon aus diesem Grund sicher nicht.

Vorhandenes

Ein „Kahoot“ auswerten, einen Multiple-Choice-Test mit „Socrative“ durchführen, einen „Mebis/Moodle“ gestützen Prüfungsteil bearbeiten – das alles gibt es schon. Dabei sollte es aber nicht bleiben, auch wenn nach einmal durchgeführter Erstellung für den Lehrer eine Zeitersparnis für weitere Durchgänge winkt. Digitale Bildung ist das nämlich nur am Rande – eigentlich eher digitales Bulimie-Klicken und ein gefundenes Fressen für Spitzerianer. Die oben genannten Beispiele sind maximal dazu da, um zu wiederholen, zu motivieren oder das Vorwissen der Schüler zu eruieren. Ein adäquates digitales Prüfungsformat stellen sie nicht uneingeschränkt dar.

Pädagogische Aspekte

Der Artikel beginnt mit dem Halbsatz „Auf die Dynamik kommt es an“. Was meine ich damit? Ich bin der Meinung, dass gerade das „Digitale Prüfen“ dazu beitragen kann, dass Schüler eine „dynamische Lernhaltung“ aufbauen können. Das heißt, dass wir als Lehrer dazu kommen sollten, auch in Prüfungssituationen folgende Grundsätze zu beachten:

– Der individuelle Lösungsweg sollte bewertet werden und nicht eine vorgegebene Musterlösung
– Der Prozess des Bearbeitens der Prüfungsaufgabe sollte mit in die Bewertung einfließen („Zwischennote“/“Zwischenpunkte“)
– Die Aufgabe sollte so (lebens-)relevant gestellt werden, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass die Schüler in eine Art „Flow-Erlebnis“ kommen können
– Ein wie auch immer genanntes Produkt sollte als Endergebnis vorhanden sein

Man sieht, dass die o. g. vorhandenen Beispiele hierunter nicht subsummiert werden können.

Echte Differenzierung und Miteinbeziehung

Wenn man an die vielen unterschiedlichen Möglichkeiten denkt, die digitales Unterrichten ermöglicht, so kann aus meiner Sicht auch viel leichter eine echte Differenzierung bei der Aufgabenstellung erfolgen. Ziel ist das Produkt: Der Weg dorthin kann natürlich auch, wenn sinnvoller, mit analogen Elementen erfolgen. Es ist zudem wünschenswert, vorab mit den Schülern einen Bewertungskatalog festzulegen. Dies erleichtert auch die Arbeit der Lehrkraft, die noch etwas unsicher bzgl. des digitalen Unterrichtens ist. Soll z. B. ein Video-Tutorial erstellt werden, so ist sicher die Tonqualität, der Bild-/Sprechanteil, die Beachtung der Urheberrechte oder die Länge des Produktes prüfungsrelevant. In jedem Fall würde ich ein Punktesystem vorschlagen, das immer individuell entsteht und mit der Klasse diskutiert wird. Später dient dieses dann als Prüfungsprotokoll und sollte auch den Schülern vorgelegt werden.

Konkrete Ideen

Für meine beiden Fächer würde ich nun eine sicher zu ergänzende Liste von „Digitalen Prüfungsformaten“ vorlegen, die es in jedem Falle verdienen, zumindest einen kleinen Leistungsnachweis oder eine dieser unsäglichen Abfragen zu Beginn der Stunde zu ersetzen. Bedenken wir: Wo in freier Wildbahn müssen wir Erwachsenen adhoc Rechenschaft ablegen ohne nachschlagen zu können? Ist die Abfrage nicht ein Disziplinierungs-Relikt aus der preußischen 45-Minuten-Takt-Zeit😉?

Digitale Prüfungsformate (teilweise auch Upgrades von traditionellen Prüfungsformaten)

– Erstellung eines digital gestützen Quiz über Epochen, Grundwissensbegriffe, Gattungen (LearningApps, LearningSnacks, Mebis) incl. Veröffentlichung
– Eine digitale, kommentierte Zeitleiste erstellen
– Tonaufnahme eines Dialoges als Variante des szenischen Lesens (App „Opinon“ – Unterrichtsbeispiel: Zwei Indianer diskutieren, ob sie den weißen Siedlern helfen sollen – Grundlage: Quellenmaterial, Rechercheauftrag oder Vorwissen – Erweiterung als Podcast möglich)
– Konzeption eines eigenen digitalen Schulbuchkapitels (App „Book Creator“) mit verschiedenen Medienformaten und Vergleich mit analogen Schulbüchern
– Materialgestützte Erörterung live – (Schüler erhalten vor dem Schreiben des Aufsatzes ein Zeitfenster, um Material im Internet zu recherchieren und sich daraus handschriftlich Notizen zu machen)
– Standbilder zu Schlüsselszenen eines Textes bauen und mit Sprechblasen versehen, ggf. Comic-Strip gestalten
– Mindmap-Programme zum Gliedern oder Storytelling nutzen (Kriegsverläufe, Personenkonstellationen, etc.)
– Eigene H5P-Inhalte erstellen, z. B. anhand von vorhandenen Erklärvideos Fragen und Aktionen einbauen
– Einen „Actionbound“ zur Stadtgeschichte erstellen und mit Parallelklassen durchführen lassen
– Eigene Videotutorials erstellen, z. B. zur schriftlichen Bewerbung
– Verschiede Präsentationstools (Keynote, PowerPoint, Prezi …) kennenlernen, anhand eines konkreten Arbeitsauftrages durchführen und bewerten
– Ein Rollenspiel, z. B. zu einem historischen Sachverhalt, durchführen und filmen
– Ein Tafelbild zu einer Stunde / einem Dokumentarfilm erstellen, z. B. auch als Sketchnote

Ich würde mich freuen, wenn ich einige weitere Beispiele aus der Community erhalten würde, die ich in diese Liste aufnehmen kann. Aus meiner Erfahrung zeigt sich, dass es nur ganz selten dazu kommt, dass ganz schlechte Produkte entstehen. Auch ist es bei geübteren Klassen nicht mehr notwendig, „App-Vorgaben“ zu machen, da die Schüler oft selbst am besten wissen, womit sie am besten klarkommen. In diesem Fall fängt sie nun dann ja wohl wirklich an – eine dynamische „Digitale Bildung“ und das sogar im Rahmen einer vormals „ungeliebten“ Prüfungssituation.

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