Lehrerfortbildung – neu denken

Ein Betrag von Sebastian Schmidt (@FlippedMathe)

Die letzten Jahre war ich viel unterwegs. Dabei habe ich einerseits viele Fortbildungen besuchen und einige selbst halten dürfen. Wenn man heute von neuen Lern- und Lehrwegen spricht, muss man in meinen Augen auch Fortbildungen weiter denken und an neue Formate anpassen. Da im Zuge von Unterrichts- und Schulentwicklung immer wieder auch Fortbildungsformate neu überdacht werden, möchte ich an dieser Stelle meine eigenen Gedanken dazu sammeln. Ein Brainstorming zum weiter entwickeln. Dabei  geht es mir dieses Mal bewusst nicht um Inhalte, sondern um Faktoren, damit Inhalte richtig vermittelt werden, beim richtigen Adressaten ankommen und vor allem der nachhaltigen Entwicklung dienen.

1. Interdisziplinäres Team

Im Alltag sind Fortbildungen doch meistens von Einzelpersonen geprägt und organisiert. Entweder erzählt der Praktiker von seinem best practice oder ein Wissenschaftler von seinen theoretischen Forschungen. In seltenen Fällen ist das sinnvoll verzahnt. Daher braucht es in meinen Augen Teams, die Fortbildungen gemeinsam planen, evaluieren und durchführen. Den Lehrer, der neue Modelle in seinem Unterricht ausprobiert, den Wissenschaftler, der die Ergebnisse evaluiert, den Didaktiker und Pädagogen, der Neues auf Theorien überprüft und Verantwortliche, welche die Ergebnisse an die zuständigen Ministerien, Behörden oder Ausbildungseinrichtungen weitergeben. Dafür braucht es dann natürlich auch Abstellungen, aber eben nicht ausschließlich. Jeder soll in seiner Disziplin weiter tätig sein und trotzdem im Team aus unterschiedlichen Disziplinen seinen Teil beitragen.

2. Dialog neben dem Vortrag

Wie kann man einen Professor ernst nehmen, der in 90minütigen Vorlesungen ein Semester lang über Entdeckendes Lernen referiert?

Wie kann man einem Lehrer abnehmen, dass er schülerzentriert unterrichtet, wenn er drei Stunden lang davon erzählt?

Fortbildungen brauchen aktivierende Elemente, auch um Kollegen mit ins Boot zu holen. Klar, nur selbst erarbeiten geht oft auch nicht. Aber Vorträge sollten möglichst Dialoge ermöglichen z.B. in Form von Fragen, die man nebenher stellen kann (z.B. mit padlet, gesehen bei Richard Heinen) und auf die der Referent dann am Ende eingeht.

Darüber hinaus sollte eine Fortbildung aber nicht mit einem Vortrag enden. Bei Schülerinnen und Schülern würde man nie auf die Idee kommen, nach einem Input die Vertiefung/Festigung weg zu lassen. Es muss Raum geben, das Kennengelernte zu vertiefen, zu diskutieren oder im besten Fall gleich anzuwenden.

Warum nicht auch im Sinne des Flipped Classroom den Vortrag auslagern? Es ist so wertvoll, wenn man sich in Gruppen trifft, warum sollte dann nur einer sprechen? Input aufzeichnen, zur Vorbereitung zur Verfügung stellen und dann mit aktivierenden Elementen die Teilnehmer ins Boot holen. Das hat in meinen Augen auch nachhaltigere Effekte, als ständig nur berieselt zu werden. Außerdem fliehen dann vielleicht weniger hinter einen Laptop oder ein Tablet um „mitzuschreiben“.

3. Praxisrelevanz und Anwendungspflicht

Für einen Lehrer ist es wichtig, neue Impulse zu bekommen, das Studium liegt meist schon sehr lange zurück. Diese Impulse werden den Alltag aber nur beeinflussen, wenn eine direkte Anwendung aus der Fortbildung abgeleitet werden kann. In letzter Zeit habe ich zu viele Vorträge gehört, die zwar allesamt spannend und informativ waren, aber oft zu wenig für den Unterrichtsalltag zur Verfügung stellten. Klar braucht es die Theorie und die Meta-Ebene, um Unterricht weiter zu entwickeln, aber ohne konkrete Umsetzungsmöglichkeiten werden dieses Impulse verpuffen.

Dabei muss man als Fortbilder gar keine konkreten Unterrichtsstunden ausgeben. Es reicht eigentlich aufzugeben, das Erlernte bis zu einem nächsten Zusammentreffen praktisch zu erproben und dies zu reflektieren. Gegenseitig zur Verfügung gestellt, können die Ergebnisse von den anderen eingesehen und mit gegenseitigem Feedback versehen werden. Bei einem 2. Fortbildungstag hat man dann eine viel tiefere Ebene, mit der man die erste Fortbildung vertiefen oder Erlerntes weiterentwickeln kann.

Deshalb: einer Fortbildung sollte immer mindestens ein zweiter Tag folgen. Man muss das Erlernte ja nicht dauerhaft in seinem Unterricht anwenden, aber wenigstens einmal ausprobiert haben. Viele Ansätze sind so disruptiv, dass man oft erst durch die Praxis die volle Relevanz erkennen kann.

4. Immer wieder bei Null beginnen

Unterricht entwickelt sich ständig weiter. Innerhalb einer Schule oder auch in einer Community kann es durchaus sein, dass Welten bezüglich innovativem Lernen bzw. der Unterrichtsqualität liegen. Das ist bei unseren Klassen genauso. Immer wieder müssen wir bei einem Schüler bei Null beginnen, anscheinend hat er die letzten Monate komplett gepennt. In der Lehrerschaft muss dies besonders hinsichtlich der Implementierung von digitalen Elementen auch so gehen. Die einen weigern sich, die anderen haben Angst, nicht die Möglichkeit dazu oder sind schlicht jahrelang zeitlich so eingespannt, dass Unterrichtsveränderung an letzte Stelle gerückt ist. Für sie alle muss es Fortbildungskonzepte geben. Man sollte sich also als Fortbilder weiterentwickeln, gleichzeitig muss man sich aber auch immer in die Lage der ersten Schritte zurückbesinnen. Dann kann ich die Kolleginnen und Kollegen auch da abholen, wo sie stehen. Dafür ist es manchmal auch wichtig, im Zuge von Fortbildungsvorbereitungen die eigene Entwicklung wieder hinten an zu stellen und erneut die Wege der ersten Tage zu beschreiten.

5. Prophet im eigenen Lande

Der Österreicher erzählt in Bayern etwas über „digitale Bildung“, der Bayer in Schleswig-Holstein… (to be continued) Was folgt: „Ihr in Bayern habt ja auch ganz andere Voraussetzungen.“ „Österreich ist da ja auch schon viel weiter, bei uns klappt das nicht.“ Dem Kollegen von weit her kann man auf die Schulter klopfen und wieder unverrichteter Dinge in seinen eigenen Unterricht zurück gehen. Kommt der vortragende Kollege dagegen aus der eigenen Reihe bzw. von der Schule unmittelbar nebenan, dann hat das Vermittelte eine deutlich höhere Tragweite. Ist dann der Praxisbezug auch noch vorhanden, steht dem ersten Versuch vielleicht deutlich weniger Zeit bevor.

6. Multiplikation

„Ich bin der Schule xy und hier bei dieser Fortbildung, weil ich bei uns für das Digitale zuständig bin.“

So oder so ähnlich könnten sich viele bei einer Fortbildung vorstellen, bei der es um digitale Elemente im Unterricht geht. Auch deshalb verkommen Fortbildungen immer mehr zu Klassentreffen, bei dem sich immer dieselben Leute wieder und wieder treffen.

Inhalte von Fortbildungen sollten multipliziert werden, was aber eigentlich im schulischen Alltag schwer möglich ist, gibt es doch so viele wichtige Dinge, die am besten alle gleichzeitig multipliziert werden sollten.

Meine Idee: barcamps oder Mikro-SchilFs an jeder Schule anstelle eines pädagogischen Tages. Fortbildungsinhalte können in kleinen Sequenzen weitergegeben und diskutiert werden.

Um tiefer in die Thematik einsteigen zu können, sollte es dann parallel zu jeder Fortbildung einen elearning-Kurs geben, der an interessierte Kollegen weiter gegeben werden kann.

Noch besser: gegenseitige Hospitationen, wenn neue Elemente/Verfahren/Methoden im Unterricht eingesetzt werden. Mein Highlight: Vertretungsstunden so vorbereiten, dass die Kollegen bei der Aufsicht das dann auch machen wollen.

7. Der „Fortbildungs-Bus“

Kommt der Lehrer nicht zur Fortbildung, kommt die Fortbildung in den Unterricht. Warum nicht Multiplikatoren abordnen und auf Reise schicken? Ein Fortbildungskonzept, das an jeder Schule an einem pädagogischen Tag für alle Kollegen gehalten wird (wieder nicht nur Digitalos, sondern mehrere Module). Fortbildungspflicht für Einzelne gibt es nicht überall, für Schulentwicklung wäre es vielleicht mal ein anderes Programm. Die Experten dafür könnte man extra schulen oder mit oben erläuterten Kompetenzteam aufbauen.

Ob man dafür jetzt einen extra Bus braucht, weiß ich nicht, dieser Tweet hat mich dazu inspiriert.

9. Unterricht ändern: JETZT

Seit bald 10 Jahren probieren Kollegen schon aus. Wir brauchen nicht noch eine digitale Schule 2100. Jetzt ist die Zeit, etwas zu ändern. Lasst uns nicht erst nach der eierlegenden Wollmilchsau suchen, sondern mit vorhandenen Umsetzungsmöglichkeiten jetzt etwas ändern. Ich bin erst seit drei Jahren dabei und immer wieder höre ich von „einem neuen Startschuss“, „dass es fünf nach 12 ist“ und „dass wir uns mal zusammensetzen müssen, wie wir in Zukunft irgendwann einmal Schule neu gestalten wollen.“ Bis dahin wird sich soviel geändert haben, dass es schon wieder neue Startschüsse braucht. Es geht so viel, es ist so viel möglich, bitte lasst uns das nicht mehr aufschieben. Reger Austausch, Kritik und Evaluation ist super, Disruption braucht aber auch Versuche. Sowohl das Lernen, als auch das Lehren muss eine Fehlerkultur vertragen können.

 

Was meint Ihr? Was sollte die Fortbildung von morgen können, welche weiteren Punkte könnte man ergänzen?

 

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